Kirchengemeinde Wilster - Herzlich Willkommen Donnerstag, 22. Oktober 2020 - 03:10 Uhr
Gemeindebrief

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Gratulationsbesuche

Bei den Geburtstagskindern ab dem 80. Geburtstag haben wir durch die Pastoren und durch die Besucherdamen immer eine persönliche Gratulation überbracht.
Durch die aktuelle gesundheitliche Lage müssen wir diese liebgewonnene Gewohnheit leider einstellen. Davon betroffen sind auch die Besuche zu den Ehejubiläen.
Sie erhalten ab sofort ihre Glückwünsche per Post von uns.
Gemeinsam müssen wir durch diese schwere Zeit kommen, bleiben Sie gesund.

Abschied von Carlos

…als wär’s ein Stück von uns.

Zum Heimgang von Karl-Wilhelm „Carlos“ Steenbuck von Helmut Schwingel

Als wir auf dem Weg zur Trauerfeier von Carlos zur Kapelle ein Stück den gleichen Weg hatten, sagte ein altgedienter Wilsteraner Ratsherr mit spürbarer Trauer und leichtem Beben in der Stimme:

„Wilster wird nicht mehr das sein, was es war.“

Nachdenklich, weil ich kein Freund von pathetischen Worten bin, stimmte ich zu. Es gingen mir zugleich Bilder durch den Kopf:

Carlos im Gespräch an der Ampel mit dem Fahrrad in der Hand. Am Lenker der Einkaufsbeutel für Selma, seine zu Hause wartende Frau. Den abgewetzten Elbsegler auf dem Kopf. Dasselbe Bild vor dem Supermarkt, vor dem Eiscafé, beim Bäcker und rund um die Kirche. Ein Pastor immer präsent, immer ansprechbar sowie er jeden ansprach, vorbehaltlos, ob der Gesprächspartner nun Kirchgänger war oder nicht. Er war für alle ein geschätzter Gesprächspartner. Dabei half ihm seine stets gute Laune und die Fähigkeit, in jeder noch so gefährlichen Gesprächswendung mit einem Scherz kontern zu können. Er hörte zu, war niemals belehrend oder gar missionarisch, aber Lebens erfahren und authentisch. Er war immer glaubhaft und diente so in besonderem Maße dem Anliegen seines Glaubens und seiner Überzeugungen.

Ja, es ist wahr: Dieses fast täglich zu sehende Bild von dem Mann mit dem Elbsegler und dem Fahrrad werden wir nicht mehr sehen.

Viel schlimmer: der sympathische Gesprächspartner und gute Zuhörer ist nicht mehr da. Er fehlt seiner Familie, seinen Freunden und der Gemeinde. Vielleicht empfinden manche so wie ich:

Es ist etwas verloren gegangen von uns selbst. Etwas, das uns ein Stück Identität war.

Dabei war dieser Pastor längst im Ruhestand und hätte sich wie andere seinen Hobbys widmen können. Aber er war ja nicht nur Pastor von Beruf, sondern aus Berufung vielleicht sogar über den Tod hinaus. Selma hat ihm seinen Talar und sein Beffchen angezogen. Ich erinnere mich an den Abschiedsgottesdienst in der St.Bartholomäuskirche als Carlos in den Ruhestand verabschiedet wurde. Ich war damals - vor 15 Jahren - gebeten worden, ein paar Dankesworte im Namen des Kirchenvorstandes zu sprechen. Und da ich Carlos gut kannte, begann ich, zu ihm hingewandt, mit dem Ausruf: „Was ist Ruhestand!? Eine Androhung für diesen Pastor.“

Die zutreffende Vorahnung, die in diesen Worten zum Ausdruck kam, wurden in vollem Umfang wahr. Und zwar im positiven, fruchtbaren Sinne. Er begab sich nicht in Untätigkeit, wie viele Ruheständler, sondern verwirklichte unermüdlich allerhand Projekte. Er schrieb und veröffentlichte, was ihm immer schon ein Anliegen war. Besonderes Interesse fand sein Buch „Ich glaube. Das Glaubensbekenntnis verständlich erläutert“, das 2013 im Luther-Verlag, Bielefeld erschienen ist. Darüber hinaus eine Reihe weiterer Bücher und Schriften, die im Selbstverlag veröffentlich wurden, eine der bedeutendsten mit dem Titel: „Wie Trinität unser Leben verändert“, „Wozu Maria“,“ die 31 beliebtesten Irrtümer der Bibelauslegung“ u. a.

Nicht zuletzt seine oft provokanten und deshalb auch zum Gespräch herausfordernden Aufsätze, die nicht nur in seiner ehemaligen Gemeinde, sondern in ganz Deutschland und zuletzt sogar darüber hinaus eine interessierte Leserschaft fanden.

Wichtige und interessante Fragen ins Gespräch zu bringen, war ihm eines seiner ehrlichen Anliegen. Dabei war es ihm sehr wertvoll, seine Gesprächspartner ernst zu nehmen und ihre Beiträge in deren jeweiligem Erkenntnisstand zuerst einmal zu akzeptieren, darauf vertrauend, dass das Gespräch ein fruchtbares Ergebnis hervorbringen möge. Ihm lag daran, die Gemeindeglieder „sprachmündig“ zu machen; das heißt die Menschen zu ermutigen, selbst über ihre Probleme, Empfindungen und Vorstellungen zu sprechen oder gar zu schreiben. Und gerade auch über religiöse Fragen, um so im Glauben zu wachsen. Dies ist Carlos in großem Umfang gelungen. Vielen von uns hat er so einen Weg zu Gott aufgezeigt und uns ermutigt, ihn zu gehen.

Während seiner schweren Erkrankung war das Bild vom Guten Hirten und der 23. Psalm oft Gegenstand unserer Gespräche. Es ist das Bild, das Carlos, ohne dass er sich das bewusst auf seine Fahne geschrieben hätte, sehr gut selbst verkörperte.  Wichtiger noch: Hier wird eine neue Sicht auf Gott beschrieben, der in den Frühzeiten oft als ein Gott des Zorns oder der furchtbaren Bestrafungen beschrieben wurde, erscheint hier als der bedingungslos liebende und fürsorgliche Gott, ein Führer und Lehrer, der allein „um seines Namens Willen“ uns auf dem rechten Weg führt. Selma betete diesen Psalm mit Carlos auf dem Sterbebett.

Als uns die traurige Nachricht von seinem Tod erreichte, betete auch ich mit meiner Frau, Kindern und Enkelkindern, die, auch sie kannten Carlos gut, gerade alle gemeinsam an unserem Frühstückstisch versammelt waren den Psalm vom guten Hirten:

Der HERR ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln.

Er weidet mich auf einer grünen Aue und

führet mich zum frischen Wasser.

Er erquicket meine Seele.

Er führet mich auf rechter Straße um seines Namens willen.

Und ob ich schon wanderte im finstern Tal, fürchte ich kein Unglück;

denn du bist bei mir, dein Stecken und Stab trösten mich.

Du bereitest vor mir einen Tisch im Angesicht meiner Feinde.

Du salbest mein Haupt mit Öl und schenkest mir voll ein.

Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang,

und ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.

Wer mag, kann ebenfalls diesen Psalm für Carlos beten.

Carlos hat solange ich Ihn kenne und auch während seiner schweren Erkrankung niemals die in seinem Glauben begründete Zuversicht, wie sie in den Worten des Psalms zum Ausdruck kommt, verloren und ist uns auch im Sterben zum Vorbild geworden. Denn er war sicher: „Ich werde bleiben im Hause des Herrn immerdar.“